Es wird in dieser Zeit des immerwährenden Wahlkampfes viel über Digitalisierung gesprochen und geschrieben. Parteien geben „Studien“ in Auftrag, Lehrerverbände tragen ihre Ideen vor, Institute legen Pilotversuche auf. Es werden digitale Pakte geschlossen. Das Thema Digitalisierung ist in aller Munde.

Aber es wird eigentlich nur über das Thema schwadroniert und vieles versprochen. In der Praxis passiert v.a. eins: Bullshit.

Nun, ich schreibe diesen Beitrag hier als Informatiker und als Vater zweier Kinder an der Grundschule und dem Gymnasium. Ich schreibe hier über das, was ich persönlich erlebe. Und das ist eben an Schulen mehr als dürftig. Von allem viel zu wenig und über das Wenige, was da ist und wie damit umgegangen wird, kann ich mich zum Teil einfach nur noch ärgern. Und zwar so richtig.

Es ist ja nicht so, dass ich mir für jedes i-Dötzchen ein Tablet als Begrüßungsgeschenk wünsche oder erwarten würde, dass die Bildungsministerien der Länder (Bildung ist immer noch Ländersache…übrigens auch ein Thema für einen weiteren Artikel) die alte, klassische Tafel in jedem Klassenraum durch sündhaft teure, elektronische Tafeln oder Mondopads ersetzen. Aber etwas mehr als die bittere Digitalisierungs-Realität erwarte ich schon. Das würde jedoch Geld kosten. Und statt zu labern müsste endlich mal angepackt werden.

Beispiel Grundschule:

Im Klassenraum meiner Tochter stehen 2 Desktoprechner rum. Pentium 4. Bestückt mit dem altehrwürdigen Windows XP. Die Rechner stehen da rum. Einfach so. Benutzt werden sie nie. Mindestens so gut wie nie. Warum?

Nun, zum einen weil es keine vernünftigen Netzwerkanschlüsse gibt. Die einzige vorhandene Dose hängt halb aus der Wand und nur einer der beiden Anschlüsse ist gepatcht. Zum anderen weil außer einem Betriebssystem quasi keinerlei Software auf den Rechnern aufgespielt ist. Keine Office-Produkte von Microsoft, keine kostenlosen Alternativen. Keine Lernprogramme, kein Virenschutz. Ein veralteter Internet Explorer ist der Weg in das Neuland. Die Schule hat keine eigene Domäne und die Lehrer dementsprechend natürlich auch keine schuleigenen E-Mailadressen. Wer jetzt fragt, ob es denn ein Telefon im Klassenzimmer gibt, den muss ich enttäuschen. Selbstverständlich ist nicht mal ein analoger Anschluss vorhanden.

Das vorhandene Equipment wurde vor längerer Zeit von einem Vater gespendet und eingerichtet. Einen Systemadministrator, der sich um diese traurige Infrastruktur kümmert, gibt es nicht. Dafür hat eine Stadt kein Geld und in der Wahrnehmung des Bildungsministeriums scheint es diese Grundschule ohnehin nicht zu geben. Stichwort ungeputzte Toiletten aus den 60er Jahren und Renovierungsrückstand an allen Ecken. Sowas machen heute alles Eltern in Eigenregie. Uns Eltern sind unsere Kinder das wert.

Wie schaut es mit den Lehrerinnen und Lehrern aus? In Sachen IT-Kompetenz und Fortbildungen für digitale Medien? Enttäuschend bis desaströs. Zwar verfügen auch Grundschullehrerinnen heute nahezu alle über ein Smartphone und bereiten ihren Unterricht in der Regel auch an einem Heim-PC vor, aber das Wissen der meisten Pädagoginnen und Pädagogen geht über das rudimentäre Wissen gewöhnlicher User nicht hinaus. Nur sehr wenige engagierte Kollegen würde ich aus meiner Sicht als IT´ler für halbwegs fit halten. Trauriger Weise sind das dann auch noch fast immer die männlichen Kollegen. An denen bleibt dann in der Schule auch entsprechend alles hängen. Von der Schulhomepage bis zur Suche nach dem Router und dem Switch…im Schulkeller.

Es kommt also eins zum anderen. Fehlende oder veraltete Hardware und Software trifft auf ungeschultes Personal bis hin zu geballter Inkompetenz. Es wimmelt eigentlich nur so von DAU´s im Lehrerkollegium. Wie soll man da erwarten können, dass unseren Kindern dort etwas in Sachen Digitales beigebracht werden kann? Digitalisierung findet an Grundschulen m.E. schlicht nicht statt. Abgesehen vielleicht von regelmäßigen Elternbriefen der Schulleitung, welche als E-Mail mit PDF-Anhang verschickt werden und gerne mal Wünsche nach einem gemeinsamen Putz- und Renovierungstag oder Sachspenden wie Klopapier, Taschentücher oder Obst enthalten.

So schaut es sicher nicht nur an der Grundschule meiner Tochter aus. Das Kollegium ist weder fachlich noch didaktisch für den Umgang mit digitalen Medien ausreichend geschult.

Und mal ganz am Rande…fast schon Realsatire aber leider wahr…dann gibt es an Schulen auch immer mal wieder noch diese Fraktion der Technikfeinde. Pädagogen im Batik-Look, einer alten Zeit entsprungen oder dort angehaftet, welche WhatsApp, Twitter, Facebook & Co als gefährliches Teufelszeug verachten, SMS mit zwei Händen auf ihrem alten Knochen schreiben und Eltern und Kinder in ihrer weltfremden Art vor dem Umgang mit PC-Spielen, Handysucht und dem begrifflich irgendwo mal aufgeschnapptem „Darknet“ warnen. Nicht das die Zweitklässler dort Drogen oder Waffen kaufen. Autsch. Okay…solche Figuren werden langsam weniger. Aber es gibt sie noch. Und es gibt auch immer noch, relativ viele sogar, die Spiele wie Minecraft mit GTA 5 gleichsetzen, ihren eigenen Kindern niemals eine Spielekonsole gönnen würden, kein Streaming kennen, nicht wissen wie YouTube oder Influenzer Geld verdienen. Wenn dann die Kleinen mal einen Berufswunsch in diese Richtung äußern, ernten sie geschockte Gesichter.

Sorry, was ich sagen will: Es gibt einfach viel zu viele weltfremde Lehrer und Lehrerinnen. Ich weiß nicht auf was für einer Insel die leben. Ich denke dann immer nur: Willkommen im 21.Jahrhundert.

Zur Ehrenrettung komme ich nun zum Beispiel Gymnasium:

Am Gymnasium meines Sohnes sieht es schon besser aus. Dort gibt es zwar auch nur alte Overheadprojektoren in den Klassenräumen und die Smartphone-Nutzung auf dem Schulhof wird mit der Höchststrafe geahndet (Entzug des Gerätes und Antanzen lassen der Eltern), aber die Schulhomepage sieht schon deutlich moderner aus, es gibt eine Kantine, bei der man das Essen bei einem Dienstleister im Internet vorbestellt und mit einer Chipkarte in der Mensa abholt. Es gibt eine Informatik-AG, wenn auch mir unverständlicherweise erst ab Klasse 7. Die Rechner in den Klassenräumen hängen dem State oft he Art nicht mehr 10 Jahre, sondern nur 5 Jahre hinterher. In der Informatik-AG wird sogar mit LegoMindstorm gebaut und programmiert. Die AG-Lehrer sind, wie ich in persönlichen Gesprächen herausgehört habe, fachlich auch wirklich gut aufgestellt. Soweit so gut. Aber wo hapert es am Gymnasium noch?

Nun, auch hier ist der Großteil des Lehrerkollegiums eher wenig technikaffin und die vorhandenen Medien werden in den Hauptfächern wenig bis gar nicht genutzt. Die E-Mails kommen bei uns Eltern auch hier von den privaten Adressen der LehrerInnen. Ob es dort eine schuleigene Domäne gibt, weiß ich nicht. Auf Nachfrage konnte mir bisher keiner dazu eine Angabe machen.

Tablets, auch nicht privat mitgebrachte, werden im Unterricht nicht genutzt. Es wird keine Lernsoftware eingesetzt. Obwohl es doch mittlerweile gerade im Bereich Mathematik sehr tolle Angebote für Lernsoftware gibt. Man denke z.B. auch an die vielen Tutorials bei YouTube. Warum darf so etwas nicht in der Lernzeit und für den Lernplan eingesetzt werden? Gerade hier erarbeiten sich die Schüler doch sowieso alles selbst. Hier könnten Schüler profitieren, die an der manchmal recht fragwürdigen Didaktik so mancher Lehrer verzweifeln und denen manchmal nach dem Ansehen eines Videos auf solchen Plattformen das große Aha kommt.

Den Systemadministrator spielen hier die Informatik-Lehrer gemeinsam mit Schülern. Wobei ich das allerdings sehr gut finde. Denn so sammeln die vielleicht angehenden Admins bereits erste Praxiserfahrungen. Ich bin gespannt, wann man sich dem auf der Homepage eingerichteten aber kaputten Forum widmet. Wenn es schon kein Schulwiki, geschweige denn eine Cloud für Wissens- und Lehrmaterial gibt, wäre das ja ein Anfang.

Es gibt keine Ansätze den Schülerinnen und Schülern den Zugriff auf digitale Medien zu erleichtern. Das ist nach wie vor wohl eine Bringschuld der Schüler. Die Infrastruktur ist extrem verbesserungswürdig und an WLAN wird sicherlich auch keiner denken. Eine Art Schul-Cloud könnte hier ein Schritt zu mehr Digitalisierung im positiven Sinne sein. Ich höre jedoch schon den Aufschrei, wenn es um den Datenschutz und personenbezogene Daten gibt. Diese Schul-Cloud-Idee gibt es übrigens schon. Das Hasso-Plattner-Institut hat bereits einen Pilotversuch gestartet. Wir werden sehen, wie dieser Pilotversuch endet.

Es gibt an normalen städtischen Gymnasien einen höheren Bedarf. Die Digitalisierung hat dort im Gegensatz zu den meisten Grundschulen zwar bereits begonnen, steckt aber sozusagen noch in den Kinderschuhen.

Ich halte für die Digitalisierung an unseren Schulen abschließend fest:

Es hapert an fachlicher Kompetenz und Fortbildung der Lehrer und Lehrerinnen, an aktueller Hard- und Software, an fehlenden Unterrichtskonzepten, an der Bereitschaft sich überhaupt auf Technik einzulassen, an der Bandbreite der Internetzugänge, an Netzwerken, Infrastruktur und v.a. am Geld. Digitalisierung bzw. IT fristet weiterhin ein Schattendasein als reines AG-Angebot, anstatt endlich zu einem Regelfach hochgestuft zu werden. Im Schulalltag spielen digitale Lernmittel kaum eine Rolle.

Es wird allenthalben über das Thema schwadroniert und als Wahlkampfthema ist Digitalisierung allen Parteien willkommen. In der Praxis passiert aber eben ganz viel Nichts und ganz viel Bullshit.

(Richard Feuerbach)

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Veröffentlicht von Richard Feuerbach

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