Von Frechfrau

Darf Satire das?

Darf man am Gedenktag der Pogrome vom 9. November 1938 über Witze schreiben?

Darf man eine prollige Comedyshow „ReichsChrisTallNacht“ nennen?

Wenn man mich fragt: Ja! Ja, aber man bekommt die Antipathie aller Menschen mit Anstand und Niveau zu spüren, und das zurecht.

Das dicke Muttersöhnchen hat mich jedoch nicht gefragt. Und auch nicht die letzten Überlebenden der Judenverfolgung, die bei der sogenannten „Reichkristallnacht“ einen der ersten furchtbaren Höhepunkte fand. Ihre Gotteshäuser wurden zerstört, sie wurden aus den Häusern gezerrt, bespuckt, es gab Hetzjagden. Die Hetzjäger fanden das Event wahrscheinlich ganz aufregend. Damals gab es ja noch kein Internet, kein Netflix und keine Gewaltspiele. Aber man hatte immer einen Sündenbock, für das, was schief lief in der Gesellschaft und im Privaten.

Beliebt und staatlich vorgegeben war das Feindbild „Jude“. Zeitungsberichte zeichneten täglich schlimmere Bilder des Geldjuden, der für jede Misere verantwortlich war. Dass der Antisemitismus schon immer in den Deutschen geschlummert hatte, ist übrigens so nicht ganz wahr. Zwar gab es schon im Mittelalter Verschwörungstheorien (Brunnenvergifter, da Juden aufgrund ihrer Hygienevorschriften weniger von der Pest betroffen waren) und Pogrome, der aber mit der jüdischen Emanzipation und Assimilation sowie der Aufkärung verschwunden war.

Jüdische Menschen waren Säulen der deutschen Gesellschaft, in den großen Städten oft Bildungsbürger, Mediziner, Gelehrte, deren Religion für sie selbst und für die Mitmenschen keinerlei Rolle spielte. Viele wussten selbst nicht einmal, dass sie Juden waren, bis Hitler die manipulative unwissenschaftliche Rassenlehre verbreitete, und Ariernachweise forderte. Die Herkunft wurde mit bösen Absichten verknüpft, ähnlich wie Margot Käßmann es beim Kirchentag 2016 bezüglich rein deutscher Abstammung mit vier deutschen Großeltern postulierte.

„Da weiß man, woher der braune Wind weht!“

Ich trauere um all die schönen Gotteshäuser, die einfach in Brand gesteckt wurden. Und mit ihnen eine Kultur, die es so niemals wieder geben wird. Das deutsche Judentum mit seinem Liedgut, seinen Schriften, seinem Wissen, seinem Humor.

Chris Tall war dieses aufmerksamkeitsheischende Wortspiel wohl wichtiger als ein Mindestmaß an Geschmack. Von Niveau kann bei seinen Witzen auch sonst keine Rede sein. „Darf er das?“, fragt er immer wieder in seinen Spaßveranstaltungen und beantwortet es mit „Ja!“

Und ja, er darf es.

Er muss es auch dürfen, wenn wir Freiheiten wie Satirefreiheit und Meinungsfreiheit bewahren wollen.

Er macht wohlwollende Scherze über Behinderte und Schwarze. Und die können auch darüber lachen. Auch von Bombendrohungen seitens der jüdischen Bürger diesen Landes habe ich noch nichts vernommen. Aber was würde passieren wenn er diesen Brüller bringen würde:

„Was steht am Rollstuhl eines behinderten Moslems dran? Is lahm!“

Würden die Zuschauer sich überhaupt trauen zu lachen? Würde das Gelächter in Schnappatmung ersticken?

Würden Diskriminierungsbeauftragte die Bühne stürmen? Bekäme Chris Tall anschließend Morddrohungen, für die die Medien sicher „psychisch labile“ Deutsche verantwortlich sehen werden? Ich frage nur. Denn an das Thema Islam trauen sich Komiker und Kabarettisten nicht mehr heran.

Oder wenn, dann nur mit Samthandschuhen. Das Thema ist für die immer großer werdende Riege von Stand-up Comedians muslimischen Glaubens im deutschen Fernsehen reserviert. Ihnen kann man keine Islamophobie vorwerfen. Aber auch sie, würden niemals das Heiligtum des Islam, den Koran, kritisieren. Oder gar Mohammed antasten.

Da verstehen eine Milliarde Menschen nämlich keinen Spaß, was beispielsweise die Autoren von Charlie Hebdo am eigenen Leibe erfahren mussten.

Dieter Nuhr hatte vor 2015 ab und an ein paar Witzchen über die „Sprenggläubigen“ im Programm. Dass er das Thema nun meidet ist einer Person zu verdanken: seiner Mutter.

Satire und Comedy leben vom Spiel mit Klischees, mit wiederkehrenden Persönlichkeitsstrukturen, mit Mustern, mit der Überzeichnung von Stereotypen. Für mich persönlich, ist jeder Mensch eine eigene Welt, ein spezieller Typ unabhängig von Hautfarbe, Herkunft und Religion. Dennoch gibt es bezüglich dieser Parameter Muster. Diese zu persiflieren gilt aber – insofern die Stereotypen nicht weiß, männlich, heterosexuell protestantisch, und europäischen Ursprungs sind – mittlerweile als „rassistisch“. Und als Rassist beschimpft zu werden, gleicht hierzulande der Todesstrafe.

Witze über Schwarze: Rassismus.
Witze von Schwarzen: keine

Beschränkungen, sogarGewaltaufrufe gegen Weiße sind megawitzig
Witze über Moslems: Rassismus. Man wird im Internet gesperrt und darf froh sein, wenn man den eigenen Kopf behalten darf. Man darf nur nicht mehr denken!

Witze von Moslems: keine Beschränkungen.

Das darf auch gerne etwas derber gegen Juden gehetzt werden, ist ja verständlich vong Palästina her (so der Narrativ).

Witze über Christen: gibt es Trillionen, gähn
Witzen von Christen: selten

Witze über Juden: von Nazinachfahren: absolut geschmacklos

Witzen von Juden über Juden: meist ziemlich lustig.

Wenn man Jan Böhmermann heißt – wer ihn nicht kennt: es handelt sich um den Begründer des Denunziantentums auf Twitter – darf man ebenfalls alles was die Palette der Klischees hergibt nutzen.

Er hat ja schon seine richtige (linke, proislamische, antinationale) Gesinnung unter Beweis gestellt. Da darf man schon mal Ziegenficker sagen. Nun hat es Jan Böhmermann wieder in die Schlagzeilen geschafft.

Diesmal mit Antisemitismusvorwürfen, von dem Komiker und Buchautor Oliver Pollak. Letzterer hat gerade ein Buch herausgebracht. Für Deutsche sind Witze über Juden nach wie vor ein heißes Eisen. Shahak Shapira (Berufsjude) sagt dazu: „Meiner Meinung nach kann jeder Witze über alles machen, der Witz muss nur gut genug sein! Siehe Bill Burr/Chappelle/Doug Stanhope/etc. Schlechte Witze machen dich noch nicht zum Antisemiten, aber es geht hier nicht um den vermeintlichen Antisemitismus einer Person. In Olis Buch werden keine Namen genannt, weil es um die ganze Gesellschaft und nicht um einen einzelnen geht, aber es ist einfacher, sich eine Person rauszusuchen, die allein die Schuld trägt, dann ist man selbst kein Teil des Problems. Kennt man ja in diesem Land. Ich finde eure Debatte dumm und will mich nicht auf sie in dieser Form einlassen.“

Diese Debatte ist – anders als beim Thema Islam – mehr als ausgelutscht, da Juden wie Christen selten einen humorlos-fundamentalistischen Bezug zu ihrem eigenen Glauben haben. Sie können meist problemlos über Bibelwitze lachen. Wenn diese geschmacklos sind, hören sie einfach weg. Dies ist auch meine Auffassung zu Meinungs- und Satirefreiheit. Nur Fanatismus und Ideologien sind unfähig Kritik und Persiflage auszuhalten.

Nur substanzlose Systeme müssen sich mit Zensur schützen, da es keine Argumente gibt. Wer ein Menschenbild hat, welches die Fähigkeit zur Mündigkeit beinhaltet, traut dem Bürger zu, gute Satire von dumpfem Beleidigen zu differenzieren und letzterem keine Aufmerksamkeit zu schenken. Das gleiche gilt für Meinungen.

Nur Diktaturen hat man Angst vor Humor. Die Mächtigen haben Angst davor infrage gestellt zu werden. Denn für die Vernunft gibt es hier viel Fragwürdiges. Wie Henri Bergson sehen sie im Witz eine Degradierung eines anderen. Und wer nicht demokratisch und wegen der politischen Inhalte gewählt wurde, muss sich natürlich vor der Entzauberung gewaltsam schützen. Sonst würde es ihm ja gehen die dem Kaiser, in dem berühmten Märchen, der durch einen kleinen frechen Junge bloßgestellt worden ist!
Bloß das nicht.

Deshalb gilt beispielsweise in Saudi-Arabien: „Das Produzieren und Verbreiten von Inhalten, die die öffentliche Ordnung, religiöse Werte und gute Sitten durch Social Media verhöhnen, verspotten, provozieren und zerrütten (…) wird als Cybercrime angesehen und durch maximal fünf Jahre Gefängnis oder eine Strafe von 3 Millionen Riyal (ca. 690.000 Euro) geahndet.

Die Europäische Union (ebenfalls kein demokratisch gewähltes Gebilde) ist auf dem besten Weg in ähnlich diktatorische Verhältnisse. Mit einer Entscheidung des Europäischen Menschengerichtshofes zu dem Fall von Elisabeth Sabtitsch-Wolff, die Mohammed als Pädophilen bezeichnete, und nun verurteilz wurde beginnt es.

Und ehe man sich versieht, traut man sich gar nicht mehr zu denken.

Einen schönen Tag!

Veröffentlicht von Richard Feuerbach

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