Von Martin Lichtmesz

Die Idee zu diesem Buch entstand im August/September des letzten Jahres. Damals bat ich die Leser dieses Blogs, von ihren persönlichen Erfahrungen und„Überlebensstrategien in einer polarisierten Gesellschaft“ zu berichten. Die starke Resonanz auf diesen Aufruf überwältigte mich und zeigte mir, wie notwendig es ist, jener Seite der „polarisierten Gesellschaft“ eine Stimme zu geben, die von der herrschenden politischen Klasse und den Meinungsmachern des Mainstreams ignoriert und abgewertet bis bekämpft und dämonisiert wird.

Hinzu kamen unzählige Gespräche und Auseinandersetzungen mit Freund und Feind, eigene Erlebnisse und endlose Lektüren unterschiedlichster Art, von populären Selbsthilferatgebern über Kommentarspalten und schöne Literatur bis zu trockener politischer Theorie. Dabei funktionierten Sommerfeld (die sich gut mit dem „Leben mit Linken“ auskennt) und ich über Monate hinweg wie ein einziges synchronisiertes Gehirn.

In einem gewissen Sinne ist Mit Linken leben auch ein Kollektivwerk, ein „Publikumsbuch“, an dem im Hintergrund unzählige Beiträger mitgewirkt haben, nicht zuletzt unser hochgeschätztes Kommentariat. Zugleich ist es ein sehr persönliches Buch, in dem wir nach Gusto vermischt und verknüpft haben, was uns gerade besonders gefiel und ansprach (wir haben uns auch den Spaß erlaubt, es mit Insiderwitzen und zwischen den Zeilen versteckten Grüßen an unsere Freunde und Weggefährten anzufüllen).

Es soll all jenen als Leitfaden, Orientierungshilfe und Fundgrube dienen, die sich und ihre Ansichten und Erfahrungen darin wiederfinden, aber auch jene ansprechen, die noch nicht wissen, wo sie stehen und auf welche Seite sie sich schlagen wollen (oder ob sie sich überhaupt auf eine Seite schlagen wollen).

Was erwartet unsere Leser? Teil 1 ist eine Art Lageplan der vielzitierten und -diskutierten politischen „Spaltung“ oder „Polarisierung“ unserer Länder, die sich nicht zuletzt in den Ergebnissen der Bundestagswahl niedergeschlagen hat und voraussichtlich auch in der kommenden Nationalratswahl in Österreich deutlich auswirken wird.

Wir zeichnen die Konturen der Bruchlinien nach und richten besonderes Augenmerk auf die Frage, was wer warum meint, wenn er von „Rechten“ und „Linken“ spricht – Kategorien, die wir selbst aus mehreren Gründen in einem ziemlich weiten Sinn verwendet haben, wobei wir uns für den schmalen Grat (oder auch das Wechselspiel) zwischen Differenzierung und (polemischer wie pragmatischer) Zuspitzung entschieden haben. Dabei betonen wir, daß fast niemand nur „links“ oder „rechts“ ist – wir sind alle sozusagen Mixed economy.

Der zweite Teil mit dem Titel „Mit Linken reden“ untersucht die politischen, moralischen, weltanschaulichen und psychologischen Voraussetzungen und Grenzen, unter denen Gespräche zwischen Rechten und Linken heute stattfinden – oder meistens eher nicht stattfinden oder auch gar nicht stattfinden können, selbst wenn beide Parteien es wollten.

Besonders wertvolle Schlüssel, die Lage zu verstehen, lieferten uns dabei die Arbeiten des amerikanischen PsychologenJonathan Haidt. Als Schwerpunkt haben wir verschiedene typische Phrasen und Schlagwörter auseinandergenommen, die von der Linken als diskursive Waffen benutzt werden, darunter Evergreens wie „Haß“, „Angst“, „völkisch“, „Rassismus“, „Fremdenfeindlichkeit“ oder „Toleranz“.

Begriffe dieser Art dienen dazu, bestimmten Sachverhalten und Debatten einen Deutungsrahmen, ein Frame zu geben, wie es in der Kommunikationswissenschaft heißt (Manfred Kleine-Hartlage hat hierzu bereits ein exzellentes ideologiekritisches „Wörterbuch“ verfaßt; ein Reframinghaben Sommerfeld und ich für das Buchcover inszeniert, wer entdeckt’s?)

Die Kontrolle über diese Frames oder Deutungsrahmen (und daran anschließend: Narrative) ist in der politischen und metapolitischen Auseinandersetzung von entscheidender Bedeutung. Eine ernsthafte politische Opposition muß unablässig daran arbeiten, die Begriffe des Gegners zurückzuweisen, zu hinterfragen und durch neue, bessere, die eigene Sache fördernde Begriffe zu ersetzen. Es ist für die Vertreter der AfD nicht nur im Bundestag von entscheidender Bedeutung, diese Aufgabe zu begreifen und zu meistern.

In der „Elefantenrunde“ des ARD hat Jörg Meuthen gute Arbeit geleistet, seinen Frame souverän gegenüber den Angriffen des versammelten Kartells zu halten. (Einer der entlarvendsten Kartellmomente war, als die sichtlich um Fassung ringende grüne Geistesriesin Goebbels-Eckardt mit banger Stimme Joachim Herrmann fragte, ob seine Aussage, die CSU müsse „ihre rechte Flanke schließen“, keinen Rechtsruck impliziere – was dieser zu ihrer Erleichterung verneinte.)

Das bedeutet konkret, daß man Gummi- und Nebelkanonenbegriffe wie „rassistisch“, „rechtsextrem“ oder „völkisch“, die das Kartell wie selbstverständlich benutzt, nicht nur zurückweist, sondern ihren Gehalt offensiv in Frage stellt.

Zusätzlich weisen wir anhand einiger ausgesuchter Beispiele exemplarisch nach, mit welchen manipulativen und unehrlichen Mitteln die angeblichen Aufklärer gegen „Vorurteile“ oder sogenannte „Stammtischparolen“ arbeiten, wobei sie häufig nicht einmal imstande sind, auch nur die Fakten korrekt wiederzugeben. Die „Ratgeber“, die hier kursieren und häufig von der stets einseitigen und unverhohlen parteiischenBundeszentrale für politische Bildungempfohlen werden, sind streckenweise so einfältig und betriebsblind, daß sie die Grenze zur Unverschämtheit überschreiten.

Ein aktuelles Beispiel findet sich in der FAZvom 5. 10., wo über eine mit linksextremen Stiftungen zusammenarbeitende Zeitgenossin namens Wiebke Eltze berichtet wird, die sich ein paar schlaue Methoden ausgedacht hat, wie man „populistische Sprüche“ kontert. Ich begnüge mich mit einem Zitat, mit dem populistische Muster „entlarvt“ werden sollen:

Beispiel 1: Themenhopping. Wenn jemand innerhalb von einer Minute nacheinander die Themen Kriminalität, Gleichberechtigung der Frau, die schwierige Lage an den Schulen und noch den Umweltschutz anschneide, habe man verloren, wenn man auf allen Feldern nach Erwiderungen suche. […] Beispiel 2: Der Opferdiskurs mit der Einleitung, „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, als gäbe es systematische Sprach- und Denkverbote, die den Redner als Tabubrecher legitimieren. Beispiel 3: Die Political-Correctness-Keule, „und dann ist man gleich Rassist“. Beispiel 4: Die vermeintlich differenzierte Position „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber …“ Beispiel 5: Rhetorische Untergangsszenarien, das Naturkatastrophengerede von Flut und Wellen, wo es doch eigentlich um Menschen geht.

Als „gäbe“ es „Sprach- und Denkverbote“, „vermeintlich“ differenzierte Positionen, „wo es doch eigentlich um Menschen geht“… dem geschulten Leser dieses Blogs muß ich den armseligen Clusterfuckaus Wirklichkeitsverdrehungen, Kurzschlüssen und ideologischen Prämissen, die diesen Formulierungen zugrunde liegen, an dieser Stelle wohl nicht näher erläutern. An anderer schon, nämlich in unserem Buch, das Denkweisen, Sprachregelungen und Strategien dieser Art genauer unter die Lupe nimmt.

An der Wurzel des Konflikts sehen wir vor allem folgende Dinge:

  1. Einen unterschiedlichen Zugang zur Wirklichkeit (eine Haltung, eine Mentalität).
  2. Eine unterschiedliche Wahrnehmung der Wirklichkeit (wir nennen es das „Ich-seh-etwas-was-du-nicht-siehst“-Spiel).
  3. Unterschiedliche moralische Werte und Gewichtungen und
  4. Unterschiedliche konkrete (auch materielle) Interessen, die von der Identität und der Perspektive derer abhängen, die sie vertreten.

Daraus ergeben sich von selbst Fragen nach der Vernunftfähigkeit des Gegenübers, seiner moralischen Integrität, den Interessen, die hinter seiner Schlagwortfassade stehen, sowie seiner psychischen oder psychologischen Verfassung. Die Psychologisierung oder Pathologisierung der sogenannten „populistischen“ Positionen ist neben der allseits beliebten „Entlarvungs“-Rhetorik ein weiterer Aspekt der „Polarisierung“, der uns praktisch tagtäglich begegnet (von der „Macke“ der „Abgehängten“ bis zur „Therapie gegen Rechts“).

Dieselben Leute, die jegliche Abweichung von der linken Doktrin mit irrationalem „Haß“ und ebenso irrationaler „Angst“ sowie anderen psychischen Schäden erklären („Reinheitswahn“, „Paranoia“) erklären, jaulen auf, wenn mal jemand wieJürgen Fritz den Spieß umdreht. Dies mit nicht geringem Recht – weshalb wir ein Lichtmesz-Sommerfeld-Gesetz aufgestellt haben (mehr dazu im Buch).

Aus der Psychologie haben wir auch den Begriff des Gaslighting als Metapher übernommen, der gut paßt, wenn das „Ich-seh-etwas-was-du-nicht-siehst“-Spiel zur gezielten „Was-du-siehst-exisitiert-gar-nicht“- bzw. „Du-siehst-nur-was-du-siehst-weil-du-ein-pathologisch-gestörter-Rechter-bist“-Manipulation wird, wie sie von der Lügen-, Lücken- und Lumpenpresse tagtäglich betrieben wird.

Ein typisches Beispiel habe ich neulich auf Twitter gesichtet: Als Marc Felix Serrao in einem Artikel der NZZ von „tonangebenden Milieus“ sprach, wurde er (ausgerechnet) von Nils Minkmar mit den Worten angepflaumt: „Es gibt keine tonangebenden Milieus. Der ganze Text ist rechter Quatsch. Sie sollten sich schämen!“ (ein Beschämungston, in dem man einen klitzekleinen performativen Selbstwiderspruch entdecken mag)

Zwischen mir und Minkmar kam es daraufhin zu einem aufschlußreichen Dramolett, dessen wesentliche Akte ich hier und hier dokumentiert habe. Ein weiteres Beispiel zwitscherte die nicht minder perfide Sawsan Chebli: „AfD-Chef Meuthen sieht nur vereinzelt Deutsche. Vielleicht sollte er mal zum Therapeuten.“

Unser Buch hilft, diese Muster zu erkennen und zu benennen.

Der titelgebende dritte Teil „Mit Linken leben“ schließlich ist eine Art Verhaltenslehre und handelt vom alltäglichen Leben mit Linken (oder genauer: mit der linken Ideologie) in Familie, sozialem Umfeld, Arbeitsplatz usw., über den „Bürgerkrieg“ im Kleinen bzw. über all die Spagate und Strategien, ihn zu vermeiden und trotzdem miteinander zu leben, ohne sich die Birnen einzuschlagen oder außerpolitische Bindungen und Verantwortlichkeiten zu lösen. Auch hier fand sich neulich bei Maischberger eine Geschichte über ein Politikerpaar, das jeweils in AfD und SPD tätig ist und sich bis dato trotzdem nicht getrennt hat:

Das politisch unkonventionelle Ehepaar nahm an Sandra Maischbergers Talk zum Thema „Tage der Uneinheit – ist Deutschland gespalten?“ teil und berichtete von den Attacken, denen es sich ausgesetzt sieht. Das Auto wurde demoliert, die Hausfassade beschmiert. Sie habe sich zwar nur bedingt bedroht gefühlt, aber „ganz viel Wut“ empfunden, beschrieb Kerstin Hansen ihre Gefühle nach den Angriffen.

Auseinanderbringen lassen sich die seit über einem Jahrzehnt verheirateten Partner aber weder von solchen Feindseligkeiten, noch von ihren politischen Differenzen. „Wir diskutieren tatsächlich sehr viel“, so die gebürtige Oberfränkin über den Richtungsstreit im eigenen Heim.

In diesem Teil finden sich unter anderem ein ausführliches linkes Bestiarum (welche Arten von Linken gibt es, und wie geht man mit ihnen um?), Abhandlungen über Freundschaft, Familie, „linke und rechte Migranten“, Cucks und Neue-Rechte-Groupies sowie Tips für die patriotische Partnersuche (patriotship.de) und die Probleme, die letztere mit sich bringt.

Bestimmendes Thema dieses Kapitels ist die neben dem Framing der politischen Begriffe zweiten großen Waffe „gegen Rechts“, die noch gründlicher wirkt: die Androhung der sozialen Abwertung und Exkommunikation. Dieser soziale Druck und die Angst vor Ausschluß und Stigmatisierung ist das eigentliche große Machtmittel der Wächter des Status quound der Hegemonie linker, egalitärer und globalistischer Ideen.

Gegen beides – die Macht der Begriffe und die Macht des sozialen Drucks – liefert unser Buch reichlich Munition. Soweit es uns bekannt ist, ist es das erste seiner Art in deutscher Sprache. Angesichts der pilzartig wuchernden Publikationen gegen „Rechtspopulismus“ und die artverwandte Fauna und Flora (in der Regel im Stil von Sündenbock- und Dolchstoßlegenden verfaßt, in denen rechte Schurken aus purer Boshaftigkeit das „soziale Klima vergiften“ und die heile, bunte, liberale, beste aller Welten sabotieren und „spalten“) wollen wir diesen uns ein wenig eintönig dünkenden Diskurs um etwas Vielfalt bereichern und einen Beitrag leisten, den „Rechtspopulismus“, die „Neue Rechte“, ja die politische Rechte insgesamt zu stärken und argumentativ zu wappnen.

Dabei haben wir uns immer wieder bemüht, den Gegner zu verstehen und zwischen der Sünde und dem Sünder zu unterscheiden (also die ideologische und menschliche oder zwischenmenschliche Ebene voneinander zu trennen). Wir müssen mit Linken leben, und sie mit uns. So schnell werden wir einander nicht los. Bei allem, was uns an Sozialisationen, Erfahrungen, Mentalitäten, Lektüren individuell oder im Kohortenschnitt unterscheidet: Wir leben im selben Land, sprechen dieselbe Sprache, haben dieselbe Herkunft, lesen dieselben Zeitungen, konsumieren dieselben Dinge, schicken unsere Kinder auf dieselben Schulen, teilen ein übergeordnetes historisches Schicksal.

Wir sitzen im selben Boot, aber wir führen heute eine fatale Diskussion über zunehmend absurde Fragen: Ob es das Boot „gibt“ oder bloß ein „Konstrukt“ ist, ob Wasser „bereichert“, ob man Lecks „abschotten“ muß (oder auch nur darf) oder ob sie ein Zeichen von „Weltoffenheit“ sind, ob es passagiermäßig überfüllt ist, ob Piraten und Meuterer an Bord sind, unter welcher Flagge es segeln, welchen Hafen es ansteuern und wer der Kapitän sein soll.

Wir glauben dabei nicht, daß Verständigung – wenn überhaupt – durch salbungsvolle Absichtserklärungen und geheuchelte Neutralitätsbekundungen ermöglicht wird, sondern im Gegenteil eher durch dezidierte Positionierung und Grenzziehung. Wenn der Abstand einmal ausgemessen ist, kann man vielleicht tatsächlich einen Modus vivendi oder, Gott befohlen, gar einen Vernunftkonsens im gemeinsamen Interesse finden.

Das soll allerdings nicht allzu versöhnlich klingen. Wir sind überzeugt, daß unsere Positionen die fundierteren, realistischeren, moralischeren und vernünftigeren sind: Rechts ist richtig, links ist giftig. Dieses Buch versteht sich also auch als Manifest eines Paradigmenwechsels, einer tektonischen Verschiebung, die wir nach Kräften fördern wollen.

Im letzten Abschnitt des Buches haben wir schließlich eine Art „Tugendkatalog“ für Rechte skizziert. Denn auch das rechte und richtige Leben will gelernt sein!

Martin Lichtmesz u. Caroline Sommerfeld: Mit Linken leben, Schnellroda 2017. 336 Seiten, 18 Euro – hier einsehen und bestellen!

Dieser Artikel ist zuerst auf Sezession erschienen. Vielen Dank an den Autor für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung auf diesem Blog

Veröffentlicht von Richard Feuerbach

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