Von Felix Schönherr

Vor kurzem wurde der Philosoph Jürgen Habermas 90 Jahre alt. Zu dem runden Geburtstag gratuliert ihm die TAXIS-Redaktion recht herzlich und wünscht ihm viele weitere gesunde und glückliche Jahre. Doch nicht nur aus menschlicher, sondern philosophisch-politischer Sicht lohnt sich der Rückblick auf ein bald sechzig Jahre anhaltendes Lebenswerk. Um die These des Artikels vorwegzunehmen: Habermas wird wohl als der Philosoph in die Geschichte eingehen, der sein theoretisches System in der Praxis selbst widerlegt hat. Doch alles von Beginn an…

Von der revolutionären Linken zum liberalen Mainstream

Kaum ein Intellektueller, geschweige denn ein Philosoph, prägte in den letzten Jahrzehnten so konstant Debatten wie Jürgen Habermas. Seine Ausbildung erfuhr Habermas ab den 1950er Jahren im Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS), das 1923 von Hermann und Felix Weil gestiftet worden war. Das IfS ist Namensgeber der „Frankfurter (Denk-)Schule“, die üblicherweise dem Neo-Marxismus zugeordnet wird und grob gesagt eine Synthese der Ideen von Karl Marx und Sigmund Freud vertritt.

1967 erschien das Werk „Der Eindimensionale Mensch“ des IfS-Denkers Herbert Marcuse, einem Vertrauten Habermas‘, und avancierte zur prägenden Theorieschrift der Neuen Linken. Darin delegitimierte Marcuse den kapitalistischen Westen, der gesellschaftliche Ungleichheit (re-)produziere und die Gefahr eines Atomkriegs heraufbeschwöre. Marcuses Antwort hierauf war die Forderung nach Negation – der subjektiven Ablehnung des kapitalistischen Systems und seiner Methoden der Gedankenkontrolle, allen voran der Konsum. Marcuses Werk wurde nicht nur in Europa, sondern auch in den USA breit rezipiert. Dies war der eigentliche Startschuss für die linke „Gegenkultur“, die sich vor allem über popkulturelle Formate übertrug.

Als Professor für Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main wurde auch Habermas ab 1964 zunächst zu einer prägenden Figur innerhalb der Studentenbewegung. Mit zunehmender Radikalisierung aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) heraus wuchs jedoch die Distanz. Habermas warnte vor einer Gefahr des linken Faschismus und stieß bei vielen SDS-Sympathisanten auf Widerstand und taube Ohren. Die spätere Gewaltentwicklung, welche in der Formation der Roten Armee Fraktion (RAF) gipfelte, gab dem Mahner Habermas auf tragische Weise Recht.

Die Diskursethik – Schön in der Theorie, unmöglich in der Praxis

Habermas beschäftigte sich indes akademisch mit der demokratietheoretischen Frage, wie Öffentlichkeit und Entscheidungsfindung im Zeitalter der Massenkommunikation organisiert werden (sollten) und wie sich das Ideal einer aufgeklärten bürgerlichen und vor allem rationalen Gesellschaftsordnung aufrechterhalten lässt. Seine bekanntesten Werke Theorie des kommunikativen Handelns,Strukturwandel der Öffentlichkeit und Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus kreisen um die Frage.

Habermas kritisiert, dass durch zunehmende (Macht-)Konzentration von Kapital eine Auflösung der Trennung zwischen Staat und Wirtschaft stattfinde. Dies sei mit ein Grund dafür, dass sich der strategisch-persuasive Kommunikationsstil dem rational-vermittelnden „parasitär“ aufsetze. Heißt: Mit viel Geld ausgestattete Parteien, Agenturen, Publikationshäuser und so weiter, beeinflussen die Meinung vieler im Interesse weniger.

Um einen Lösungsweg zu finden, näherte er sich auf philosophischem Weg dem Thema an, wie Argumentieren grundlegend funktioniert. Habermas unter den Philosophen des 20. Jahrhunderts als einer der produktivsten gelten. Einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis seiner zahlreichen Werke stellt der bemerkenswerte Aufsatz Wahrheitstheorien aus dem Jahr 1973 dar. Hier befasst sich Habermas damit wie eine Aussage überhaupt den Geltungsanspruch auf Wahrheit behaupten kann.

Für das Gesellschaftsmodell Demokratie, in dem politische Entscheidungen durch den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ herbeigeführt werden sollen, ist diese Frage von zentraler Bedeutung. Habermas sieht sich die philosophische Figur der Letztbegründung näher an: Wenn nämlich eine Aussage Anspruch auf Geltung haben will, muss sie mit einer weiteren plausiblen Aussage begründet werden. Dies führt jedoch zu einem regressum ad infinitum, da hinter jeder begründenden Aussage eine weitere stehen muss und so fort.

Diese herkömmliche Lösung besteht in der Einführung einer sogenannten Letztbegründung. Das sind absolut gesetzte Begriffe wie „Gott“, „Vernunft“ oder „Zufall“. Dies ist Habermas jedoch zu wenig. Denn Absolute bieten die Gefahr der ideologischen Vereinnahmung und des Positivismus. Um eine Lösung zu finden, führt er deshalb den Begriff „Diskursethik“ ein, der die Grundlage für die Praxis des herrschaftsfreien Diskurses bildet.

Das Ergebnis des herrschaftsfreien Diskurses richtet sich nach dem Konsens aller Sprecher und Zuhörer. Um zu verhindern, dass sich Minderheiten gegenüber Mehrheiten unfair durchsetzen, muss im herrschaftsfreien Diskurs jeder das Recht haben, alles zu allem zu sagen. So setzen sich am Ende immer demokratische Lösungen durch, mit denen alle Menschen leben können…

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es leider auch. Denn bereits ein sehr einfacher Einwand reicht aus, um das Modell erheblich zu erschüttern. Um einen herrschaftsfreien Diskurs zu führen, ist nämlich zunächst notwendig, zu wissen, was ein herrschaftsfreier Diskurs ist. Um dies konsensorientiert zu klären, bedarf es aber ebenfalls eines herrschaftsfreien Diskurses. Ein klassisches Henne-Ei-Problem. Zudem sind herrschaftsfreie Diskurse schon in der Praxis unmöglich, da Faktoren wie Zeit oder Raum immer knapper sind als alle Menschen, die gerne „ihren Senf“ zu einem Thema dazu geben möchte.

Letztendlich handelt es sich also um eine Form des ethisch-moralischen Selbstbetruges, der Habermas mit vielen Linksliberalen heute verbindet. Die Hohepriester des herrschaftsfreien Diskurses sind fast ausschließlich Soziologen, Philosophen, Theologen und Politologen, die als Akademikerelite in geistiger und hierarchischer Abschottung zum Rest der Gesellschaft wohlklingende Theoreme formulieren und ihresgleichen vortragen. Der „herrschaftsfreie Diskurs“ gleicht den engagierten Gesprächen über die Notwendigkeit der „Willkommenskultur“, die auf Cocktailpartys hinter Mauern der Gated Communities zwischen den Schönen und Reichen stattfinden.

Habermas versus Nolte & Lyotard – Das Ringen um die „richtige“ Moderne

Die seit Erscheinen von Habermas‘ Leitmotiv geäußerte Kritik war für ihn und seine Anhänger jedoch kein Anlass, ihr Projekt grundlegend in Frage zu stellen. Habermas hat sich nicht zuletzt dadurch auch in der breiten Öffentlichkeit einen Namen gemacht, dass er in mehreren publikumswirksamen Debatten Partei für seine Vision des liberalen Fortschritts ergriff. Die zwei wichtigsten seien hier kurz zusammengefasst: Der Historikerstreit mit Ernst Nolte und die Postmoderne-Debatte mit Jean-François Lyotard.

Der Historikerstreit aus dem Jahr 1986 befasste sich mit der Frage, wie sehr der Holocaust der Nazis für das zeitgenössische Deutschland identitätsstiftend sein sollte. Ernst Nolte hatte in dem Artikel Vergangenheit, die nicht vergehen will den Versuch unternommen, den Holocaust in den Kontext ähnlicher vorangegangener Massenverbrechen zu setzen – wie beispielsweise den türkischen Genozid an den Armeniern 1915 oder den stalinistische Terror in der Sowjetunion. Die logische Fortsetzung hieraus wäre natürlich, dass die spezifische deutsche Grundierung des Holocaust relativiert würde. Er wäre vielmehr einer von vielen Gewaltexzessen, die die Moderne durch ihre technologischen Mitteln ermöglicht hat. Habermas intervenierte und stellte auf die Singularität des Holocaust ab. In Noltes Überlegungen spiegelte sich die Gefahr, Relativismus und Revisionismus zu betreiben. Habermas konstatierte schließlich, dass die „Schamesröte“ über die NS-Verbrechen die einzig verlässliche Basis für die Bindung Deutschlands an den Westen und seine universellen Werte sei. Insofern seien der Holocaust und die Erinnerung daran als konstitutiv für die Identität der Bundesrepublik Deutschland zu werten.

Eine in der Struktur ähnliche Debatte lieferte sich Habermas mit dem französischen Philosophen Lyotard. Dieser hatte das Zeitalter der „Postmoderne“ ausgerufen. Da die „großen Erzählungen“ wie sie im Hegelianismus oder auch dem Marxismus zu finden sind, gescheitert seien, gebe es keine wesentliche sinnstiftende Erzählung mehr. Habermas entgegnete, dieses Bild sei gegen die aufklärerische Moderne gerichtet. Das Rationalitätsparadigma sei weiterhin als verbindliche normative Grundlage anzusehen.

Auch die Habermas-Moderne kommt nicht ohne Letztbegründung aus

Diese Debatten zeigen, dass die Habermas‘sche „Diskursethik“ und Wahrheitstheorie in der Praxis schnell an Grenzen stößt. In den Beiträgen, die Habermas gegen seine Gegner Nolte und Lyotard verfasste, schwingt weniger der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ mit, als vielmehr der moralische Zeigefinger, die Diskreditierung der übrigen Diskussionsteilnehmer als Revisionisten und Gegner des Fortschritts und die Errichtung einer unumstößlichen begrifflichen Autorität. Lyotard Ebenso zeigen die Argumentationen, dass auch seine Vorstellung einer modernen demokratischen Gesellschaft Letztbegründungen bzw. Absolute braucht: Sei es die Singularität des deutschenHolocaust als negativer, sei es das aufklärerische Vernunft-Modell als positiver Angelpunkt.

Habermas‘ Positionen in beiden Debatten sind für sich genommen zweifelsfrei akzeptabel. Widersprüchlich wird jedoch das Gesamtbild, wenn die Forderung nach dem „herrschaftsfreien Diskurs“ mit in Betracht gezogen wird: Denn Habermas kann die als „Diskursethik“ propagierte Ergebnisoffenheit und Vielstimmigkeit bei der Verteidigung seines Modells selbst nicht durchhalten. Positivistische und absolute Aussagen werden bei Habermas wie Pfähle in den Boden gerammt, um den „legitimen“ Rahmen des Diskurses zu markieren. So schrumpft sein utopischer Entwurf zum weit kleineren Zugeständnis zusammen. Innerhalb bestimmter Prämissen darf wohl herrschaftsfrei diskutiert werden, aber eben nicht außerhalb.

Dies führt zu folgendem Paradox: Ein wie auch immer gearteter herrschaftsfreier Diskurskann sich nur innerhalb einer diskursfreien Herrschaft vollziehen. Im Philosophischen sind dies die begrifflichen Absolute; im Politischen die verfassungsmäßige Ordnung. Ohne solche Setzungen, ohne ein nach inhaltlichen, sprachökonomischen, autoritativen Gesichtspunkten geordneter Diskurs, ist sinnvolle gesellschaftliche Verständigung schlichtweg nicht möglich. Zu behaupten, ein Diskurs außerhalb solcher Grenzen sei sinnvoll oder sogar erwünscht, ist intellektuell daher unredlich – es sei denn, man möchte auch die möglichen negativen Folgen verantworten. Habermas wird also wohl als der Philosoph in die Geschichte eingehen, der sein theoretisches System in der Praxis selbst widerlegt hat.

Dieser Artikel ist zuerst im taxis-magazin erschienen. Die Veröffentlichung hier auf diesem Blog wurde vom Autor freundlich genehmigt.

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Veröffentlicht von Richard Feuerbach

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