Mich erreichte vor ein paar Tagen eine Leserzuschrift, die ich hier und heute gerne veröffentliche.

Von Klaus Plöger

Wie wär `s einmal mit politischen Gedichten? Denn es könnte sein, daß wir uns bereits im Vormärz befinden, obwohl um uns herum noch vieles nach Biedermeier aussieht.

DER PROFESSOR AM SEE

In Starnberg, am See, da lebt ein Professor,
so ein ganz, ganz großer Denker. Doch
immer, wenn er sprach, dann nuschelte er,
und was er meinte, weiß allein der Henker!

Eines Tages stand er wieder am Wasser
und rief: Ihr lieben Fische, alle! Kommt herbei!
Und fürchtet euch nicht! – Vorsichtig kamen
sie näher, darunter auch eine verirrte Ralle.

Eine große Freude will ich euch verkünden.
Alle Fische werden Brüder! Ob groß, ob klein,
ob Waller oder Brachse! Was die Natur einst
streng geteilt, das bindet Euer Wille wieder!

Seid nicht länger Zander, Plötze, noch Forelle!
Streift ab eure schuppige Natur! Reicht friedlich
euch die Flossen! Seid nur noch Fische!
In unsrer neuen, postaquatischen Kultur!

Ich beschwöre euch: Laßt ab von euren alten
fischigen Nationen! In gemischten Schwärmen
soll der räuberische Hecht dem Karpfen
und der fette Karpfen dem Hecht beiwohnen!

Und eure Konflikte löst einträchtig, vernünftig
und deliberativ! – Wat hett he seggt? fragte eine
migrantische Flunder. Ist doch klar! erwiderte
ein kluger Aal: Die Libellen fliegen heute tief!

Besiegeln wir nun unsren Bund mit hehrem Wasser,
damit auf ewig er besteh! – Wohs hohd er gsagt?
fragte nun eine Rutte. Des woas i aa ned, meinte
eine andere. Aba i glaub, glei bieslt er in den See.

Tatsächlich: der Professor fingerte am Hosenlatz
und rief: Bei diesem goldenen Wein: schließt
eure heiligen Reihen dichter! Und schwört
als Schwarmpatrioten euch ewig treu zu sein!

Mir wird es mir hier zu warm, sprach ein Hecht,
und schnappte sich eine Forelle. Erschreckt
stoben die übrigen Fische davon und
beendeten die Versammlung auf der Stelle.

Auch der Professor schied traurig vom See.
Wie undankbar ist doch die Welt! Da will
man diesen indigenen Kreaturen helfen,
die aber leben weiter, wie es ihnen gefällt!

Dann ging er ins Wirtshaus, trank ein Bier und aß
in Butter gebratene Renken. Und weil niemand
auf ihn hören wollte, trank er noch mehr Bier
und begann, sich neue Welten auszudenken.

BERLIN

Adenauerhaus. Hier sitzt die Partei der absurden
Metamorphosen. Zum Gefallen ihrer Domina
tragen die schwer gepeitschten Knechte unter
den Anzügen rote Socken und grüne Unterhosen.

HAMELN

Als ich ihn sah, trug er einen bunten Anzug und sagte,
daß er rechte Rattenfänger nicht mag.
Klug ist er noch immer, denn
diesmal kandidierte er für den Deutschen Bundestag.

DRESDEN

Auf den Wolken schwebend trägt Raffaels Madonna
ihr Kind. Was für ein himmlisches Theater!
Nur die Engelchen, ganz unten im Bild, verdrehen
die Augen und fragen sich: wer ist bloß der Vater?

WORMS

Hier stehe ich! – Ich kann nicht anders, rief Luther.
Und der Kaiser verhängte die Acht. Frau Käßmann
wurde Bischöfin. Und später klagte Karl der Fünfte:
Ach, hätt’ ich diesen Mönch doch gleich umgebracht!

BERLIN

Umweltministerium. Die Priester der Apokalypse
predigen hier den Untergang der Welt. Doch:
Halleluja, sie werden euch retten. Dazu
brauchen sie nur euren Glauben und euer Geld.

DAS SPITZELLIED
(nach der Melodie: „Die Gedanken sind frei“)

Die Gedanken sind frei
Ich kann sie erraten
Als Spitzel stets dabei
Hab ich manchen verraten
Für Kaffee, Schnaps und Kuchen
Mußt ich nach ihnen suchen
Noch ist es nicht vorbei
Wieder bin ich dabei.

Die Staaten vergehen
Es wechseln die Minister
Doch wir Guten uns verstehen
Wir sind wie Geschwister
Zwar nicht jeder mir gefällt
Wie Dserschinski, mein Held
Noch ist es nicht vorbei
Wieder bin ich dabei.

Wir sind die Gerechten
Die über euch wachen
Und ihr seid die Schlechten
Die über uns lachen
Doch werden wir euch hetzen
Nicht nur mit Gesetzen
Noch ist es nicht vorbei
Wieder bin ich dabei.

Die Gedanken sind frei
Ich kann sie erraten
Als Spitzel stets dabei
Werd ich euch verraten
Für Geld nun statt für Kuchen
Muß ich nach euch suchen
Noch ist es nicht vorbei
Wieder bin ich dabei.

(aus: Klaus Plöger LAND DES WECHSELS BoD € 4,80)

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Veröffentlicht von Richard Feuerbach

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