Von Richard Feuerbach

Jetzt muss ich doch mal etwas loswerden. Mit diesem Artikel wende ich mich vor allem an die Filterblase auf Twitter, in der auch ich (leider) gefangen bin. Einige Leser werden sich nach dieser Lektüre sicherlich wieder ärgern, sich abwenden, entfolgen oder mich für einen linksliberalen Boomer halten.

Es kotzt mich einfach nur an.

Was derzeit unter den Hashtags #Blacklivesmatter oder #Rassismus auf Twitter abgeht, finde ich einfach nur noch beschämend und erschreckend.

Wir diskutieren hier in Deutschland aus der Ferne über das, was zur Zeit in den USA los ist. Etliche fiebern da anhand vieler erschreckender Bilder und Videos gar schon einen Bürgerkrieg herbei und bringen das deutsche Wort #Bürgerkrieg sogar in den Vereinigten Staaten selbst zum trenden.

Wir fragen uns dabei hierzulande aber gar nicht, wo in den USA das eigentliche, das tieferliegende Problem liegt und was das mit Deutschland zu tun hat oder eben auch nicht. Nein…eigentlich diskutieren wir nämlich gar nicht, sondern betreiben ein eigenes Framing, bei gleichzeitigem Ärgern über das Framing der jeweils anderen.

Von den USA und deren Problemen verstehen die meisten hierzulande aber mal so gar nichts.

Um Amerika, um die Vereinigten(!) Staaten von Amerika und die Seele der US-Amerikaner zu verstehen, fehlt vielen nämlich selbst das rudimentärste Wissen über die Geschichte der USA.

Man kann die aktuelle Situation der USA und vor allem die, der farbigen Bevölkerung in den USA, m.E. nur dann verstehen oder wenigstens halbwegs nachvollziehen, wenn man die amerikanische Geschichte wenigstens ein bißchen kennt und auch mal mit in seine Überlegungen einbezieht. Die Geschichte der Besiedlung. Der Siedler. Der Träume. Der Einwanderung. Des Unabhängigkeitskrieges. Der Verschleppung der Schwarzen aus Afrika. Die Geschichte der Sklaverei und die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges.

Viele denken, daß der Bürgerkrieg zwischen den „Yankees“ und den Südstaaten ausgebrochen wäre, weil die Nordstaaten die Sklaverei in den Südstaaten von Anfang an hätten abschaffen wollten. Das ist aber leider nicht ganz richtig oder nur ziemlich bedingt richtig.

Zu Beginn des Bürgerkriegs kämpften die Nordstaaten nämlich gar nicht für die Abschaffung der Sklaverei, sondern hauptsächlich für den Erhalt der Union. Für den Erhalt der Einheit. An der Sklaverei hat es sich nur entzündet.

Der Widerstand gegen die Sklaverei, den es in Nordamerika bereits im 17. Jahrhundert gab, war meist religiös begründet. Baptisten wie Roger Williams haben den Grundstein zu einer Bewegung gelegt, die heute noch nachwirkt. Abolitionismus bedeutet „Abschaffung“. In diesem Fall war das Anliegen die Abschaffung der Sklaverei.

Befeuert von gewaltbereiten Abolitionisten, wie z.B. John Brown, wuchsen in den Vorkriegsjahren die Angst und die Radikalisierung in den Südstaaten, da man dort von der Sklavenhaltung wirtschaftlich enorm profitierte oder gar glaubte von der Sklavenhaltung abhängig zu sein. Brown scheute sich nicht davor, seine Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Nach Browns erfolglosem, gewaltsamen Versuch, die Sklaven zum Aufstand zu bewegen, wurde er hingerichtet.

In der Folge kam es zur Sezession. Die Südstaaten trennten sich von den Nordstaaten und riefen die Konföderierten Staaten von Amerika aus. Das wollten die Nordstaaten und der nur „gemäßigte“ Gegner der Sklaverei, Abraham Lincoln, nicht hinnehmen.

Als der Bürgerkrieg begann, hielten die Nordstaaten an den bestehenden Gesetzen fest, die den Besitz von Sklaven im Süden erlaubten. Da man die Konförderierten wirtschaftlich treffen wollte, verabschiedete der Kongress 1861 die Confiscation Acts, die es den Unionstruppen ermöglichte, Sklaven des Kriegsgegners zu „beschlagnahmen“ und als Soldaten zu rekrutieren. Erst die Proklamation im Jahre 1863 erklärte alle Sklaven für frei. Aber auch das nur eingeschränkt. Denn diese proklamierte Freiheit galt nur für die Sklaven in den Südstaaten. Im oberen Süden, in den bei der Union verbliebenen Grenzstaaten Kentucky, West-Virginia, Maryland und Delaware blieb die Sklaverei rechtlich bestehen. Endgültig abgeschafft wurde sie erst 1865, mit dem Ende des amerikanischen Bruderkrieges.

Erst im Verlaufe des Krieges, mit seinen vielen Wendungen, erkannte Lincoln, welchen moralischen Nutzen ihm eine Proklamation zur Befreiung der Sklaven bringen würde. Die Proklamation hat vielleicht auch ein Eingreifen europäischer Staaten wie Großbritannien verhindert, die den Südstaaten große Mengen Baumwolle abgekauft haben.

Aber selbst nach dem Ende des grausamen Bruderkrieges, in dem auch Iren gegen Iren, Deutsche gegen Deutsche, Engländer gegen Engländer, Franzosen gegen Franzosen usw. kämpften, haben die ehemaligen Sklaven keine Gleichberechtigung wie andere Einwanderer erlangt. Sie wurden lediglich in die Freiheit der Armut, der Bildungslosigkeit und der Chancenungleicheit entlassen. Sie konnten und durften den amerikanischen Traum nicht leben. Die Rassentrennung wurde erst im Jahre 1964 nach und nach aufgehoben. Bis heute ist Diskriminierung eine Tatsache. Aus den Grundsätzen der Emanzipationserklärung entwickelte sich die Bürgerrechtsbewegung „Civil Rights Movement“ der 60er Jahre, von der man bis heute noch den 1968 ermordeten Baptistenpfarrer Martin Luther King kennt.

Aus Chancenungleichheit und Diskriminierung erwachsen auch heute noch überproportional viel Armut und Bildungsdefizite, woraus wiederum viele akute und aktuelle Probleme entstehen. Häufig eben auch eine höhere Kriminalität und/oder Drogensucht.

Das hat überhaupt nichts mit Hautfarbe zu tun, sondern das ist einfach das Los einer beschissenen Sozialisierung.

Wenn man am Rand einer vermeintlich freien Wohlstandsgesellschaft steht und nicht daran teilhaben kann, dann entwickelt sich einfach ein gewisses Hasspotential. Ein Schwarzer muss sich, ähnlich wie auch viele Frauen immernoch, einfach doppelt oder dreimal so sehr anstrengen, um das Gleiche zu erreichen, wie ein weißer Amerikaner.

Nicht zuletzt Nixons „War on Drugs“ hat mit seinen Auswirkungen und Nachwirkungen bis heute dazu geführt, das die Knäste in den USA signifikant häufiger von Schwarzen belegt sind als von Weißen. Das es Gangs gibt, sollte eigentlich auch niemanden wirklich verwundern.

Wenn ich mir all das mal so überlege, finde ich es einfach nur kurzsichtig, erbärmlich und schäbig, jetzt z.B. auf das Vorstrafenregister von George Floyd zu verweisen und Gegenhashtags wie „#Whitelivesmatter in den asozialen Medien zu platzieren. Das ist für mich billigster Whataboutism. Das Vergleichen des grausamen Mordes an einem Schwarzen durch einen Gesetzeshüter (?!) mit den Taten des Opfers, ist eine ekelhafte und unpassende Relativierung. Da dürfen sich m.E. die Leute, die das machen und so eine Scheiße im Netz posten echt nicht wundern, wenn man sie in die Nähe von Rechtsradikalen rückt oder ihnen latenten Rassismus vorwirft.

Man kann und muss ja wirklich darüber diskutieren können, dass Rassismus heute längst keine Einbahnstraße mehr ist und das etliche Aktivisten es übertreiben und von einer oft linksradikalen Ideologie geleitet werden, aber doch bitte nicht jetzt.

Nicht zu diesem Zeitpunkt. Nicht zu dieser Gelegenheit. Nicht instrumentalisieren. Jetzt ist es einfach die Unzeit und es ist schlicht pietätlos und widerlich.

Nach so einer schrecklichen Tat macht man das einfach nicht!

Rassismus ist und bleibt Rassismus. Er ist ein Verbrechen am „Mensch sein“.

Veröffentlicht von Richard Feuerbach

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